Herbstgedanken



Mich stört ein regnerischer Sommer wenig. Viel zu heiß waren die sonnigen Tage meiner Kindheit. Regen im Sommer hat für mich immer noch die Erinnerung an Frische. Das üppige Grün betont auch beim schlimmsten Wetter, dass der Sommer hartnäckiger und bodenständiger ist als die Launen der Wolken.
 
Der Herbst verlangt nach Langsamkeit, Besinnlichkeit. Seine sensiblen, vielfältigen Farben sind zerbrechlicher als die schwach gewordenen Sonnenstrahlen. Deshalb kann ich mich auch nach fünfundzwanzig Jahren nicht an die kurzatmigen, vom Winter überrumpelten Herbste gewöhnen. Die Melancholie verwandelt sich in der feuchten Kälte, die in die Kleider und mit dem Atem nach innen dringt, in eine Traurigkeit. Spazierengehen wird zur Last, der Blick senkt sich zu Boden und ertrinkt in grauer Nässe.
 
Der Herbst, wenn er seinen Gang langsam und leise ansetzt, entfaltet in mir das allerschönste und tiefste Gefühl für die Natur. Seine Farbenpracht vor Augen,  die Erinnerung an den Sommer im Herzen, im Bewusstsein die nahende klirrende Kälte des Winters - all das lässt ihn als die reichste und intensivste Jahreszeit erscheinen, und deshalb empfinde ich seinen Verlust als umso schmerzlicher.
 
Der Herbst ist mit Gesundheit und Freiheit verwandt, erst wenn er fehlt, fühlt man, wie wertvoll er war.

(Rafik Schami)

Disclaimer 
  © Dr. Martin Hoppe 2004