Himmelsleiter


Ich meine, daß die Basis der Himmelsleiter,
auf der man hinaufsteigen will in höhere Regionen,
befestigt sein müsse im Leben, so daß jeder nachzusteigen vermag.
Befindet er sich dann immer höher und höher hinaufgeklettert,
in einem fantastischen Zauberreich, so wird er glauben,
dies Reich gehöre auch noch in sein Leben hinein,
und sei eigentlich der wunderbar herrlichste Teil desselben.

E.T.A. Hoffmann, Die Serapionsbrüder

 

 
 Bild: © D. Kaden
 

An der Himmelsleiter.

Seit Tagen ging ich nachts mit der Bitte an alle Welten in meine Träume: Sagt mir doch ein wenig oder auch ein bisschen unverschämt viel, weil ich gerne sehr fleißig wäre, was von Himmelsleitern. Ich will eine Geschichte schreiben. Ein Freund hatte mir eine Fotografie geschickt und wollte wissen, was ich über Himmelsleitern wüsste. Auf seinem Bild sieht man eine Hauswand mit zwei vergitterten Fenstern. Eine Außentreppe klebt an ihr und nachts brennt in Stufe für Stufe Licht. Von unten besehen könnte man meinen, eine Lichttreppe führte am Haus angelehnt in den Himmel hinauf… Eben eine Himmelsleiter.

Wirklich, ich hatte mir allen ernstes eine schöne Geschichte erhofft. Traumhaft schön und stabil. Licht ist wie Holz und eine Poesie, die Welten und Himmel mit begehbaren Treppen oder Laufstegen verbindet. Mich mit den Sternen. Mich mit dieser Sehnsucht innen drin. Nach dorthin. Neugierig. Stufe für Stufe. Hinaufträumen. Vielleicht auch ein bisschen euphorischer. Von einem Licht zum anderen. Brücken schlagen. Ein ganz neues Sternbild finden, das noch nie jemand zuvor gesehen hätte. Meinen Namen würde ich ihm geben, weil ich der Entdecker wäre. Nicht ohne Stolz und vielleicht auch etwas abgekämpft, aber glücklich, käme ich wieder zurück. Schön war’s gewesen. Und schön wäre es gewesen. Leider war nichts dergleichen passiert…

Doch dann, an einem ganz normalen Nachmittag legte ich mich mit der fantastischen Romanbiographie von Virginia Woolf „Orlando" aufs Bett. Schön gemütlich. Wie man das Beste aus einem trüben Novembertag macht. Mit einem guten Buch. Mit einem warmen Feuer. Mit Zigaretten und Milchkaffee. Lesen. Lesen. Lesen. Und irgendwann war ich dann in Woolfs Buch bei diesem Satz angekommen: „ Kann es möglich sein, dass du keine Frau bist?„ und daraufhin mussten sie ohne weitere Umschweife die Probe darauf machen… 

Die Probe… Die Probe…  

Ich bemerkte es nicht, wie mir dabei die Augen zugefallen waren. Kann es möglich sein… Kann es möglich sein… du bist… du bist nicht… 

Identität. Im Übergang. Eingeschlafen. Schlafen. Ganz tief und dann gehen…

Voller Vorsicht. Aus mir. Aus meinem gelben Haus heraus. Ich taste mich am Putz entlang. Meine Finger fahren über das kalte Rautengespinst aus Eisen vor den Fenstern. Zugleich erschrecke ich. Einer schaltet das Licht in der Freitreppe an. Einer? Ich probiere es aus. Ich bin es selbst. Ich gehe. Im Vorwärtsgehen… an… im Rückwärtsgehen…wieder aus…

Wieder an. Das Licht. Es blendet mich. Ich blinzle darüber hinauf. Stufe um Stufe. Von einem Mond zum anderen in den Spalt Nachthimmel oder oben in Kronen von Bäumen…

Träumen.

Ich bin dann in den Worten von Blättern und unten sehe ich mein stilles, verschlossenes Haus.  In meine Ohren murmelt es grün: Warum verschließt du es. Weil du gehst? Weil du bleibst? Oder einfach nur… immer?

Frage über Frage. Und die Antwort steckt dann drin, wie die Treppe in meinem Haus, die innen unter dem Dach in der Dunkelheit endet. Dort haben die Spinnen zu tun. Sie spinnen alles ein, als wären sie Hüter meiner Angst, mit dem Kreuz auf dem dicken Leib. Abstoßend und unberührbar gemacht.

Ich will dann wissen, ob ich das alles wissen will. Ich weiss nicht, wer mir antwortet: Es ist doch deine Geschichte.

Meine Geschichte? Und bei diesem Wort „ Geschichte „ fällt mir plötzlich mein Wunsch um die Himmelsleiter ein. Ich empfinde augenblicklich nichts anderes als nur noch Freude. Und sie verbindet sich augenblicklich mit den Lichtern und mich hält dann auch gar nicht mehr auf. Ich renne. Ich renne einfach aus dem Baum und immer weiter hinauf. Mir gelingt es spielend über den letzten Mond zu springen und dahinter, immer weiter weg… fängt mich ganz sachte eine helle Landschaft auf.

Warmer Sand. Dünen. Ich höre das Meer. Meinen Atem. Ich hebe die Arme hoch. Ich bin nackt. Glücklich. Ich dusche mich. Klatschnass. Mit Licht. Ich streich mir das Haar zurück und sehe mich dann nach meiner schönen Geschichte um.

Ich höre ihre Stimmen. Erst ganz leise und dann, sie nähern sich lachend aus den Dünen herüber. Ich sehe sie. Frauen mit Körben. Männer halten viel zu große Sonnenschirme über sie. Dort ist Julio. Er schleppt an seiner Staffelei, rutscht aus, fliegt der Länge nach hin und verliert seinen Hut. Andere tragen Decken und Kissen. Alle! Ich kenne sie alle! Martin, der Komponist, hat anstelle seines schwarz glänzenden Flügels zwei weiße auf dem Rücken. Oh, Freude schöner Götterfunken. Alle sind sie da. Von weltweit her verstreut haben sie sich hier eingefunden. Viktor aus dem Windkanal. Die rote Manon. Sie kommt mit ihm gradewegs aus Paris. Martin aus Finnland. Der Maler vom Atelier aus der alten Zuckerfabrik in Spanien.  Anja, mit hundert klimpernden Perlenketten aus Basel und mit dem strengen Blick auf Prof. Wodzak. Er schielt zu der Schönen aus Paris. Kleine Schweißperlen auf ihrer Oberlippe. So was entgeht ihm nie. Und dort. Andreas, der nachdenkliche Architekt, nimmt beim Laufen immer wieder skeptisch prüfend eine Hand voll Sand. Sylvia erwartet Amelie Jo. Ihre Hände reden mit dem dicken Bauch, während der Dichter, Vater, von Amelie, die besten Verse seines Lebens schreibt. Olaf und Dirk. Sie streiten wie ein altes Ehepaar. Dirk ist die Frau und Olaf winkt überzeugend ab: Frauen haben immer Recht. Wolfgang sieht kurz auf und fährt dann doch ohne weitere Umschweife fort, in seinem Vortrag, über weltliche  Durchgangsrechte längst ausgestorbener Völker. Meine Schwester bringt das Olivenöl aus Griechenland. Iverson aus dem Norden lutscht an einem Stück polaren Eises. Schon wieder blau. Besoffen. Trunken in dieser Wärme. Und vor lauter Licht. Raffael. Von Englands Westküste her, begleitet er wie immer Wale und ihre Fontänen spucken für ihn Delfine aus. Tommes legt ein neues Filmband ein. Er sieht eine ältere Frau.  Seine Kamera summt durch ihr blumiges Kleid. Ich kenne sie nicht und sie ähnelt mir. 

Fassungslos.

Wann haben wir uns alle verabredet. Wann. So pünktlich. Sieben Jahre zurück. Hinter dem Mond. In der Zwischenzeit. Sie haben alle so viel zu erzählen, wie die randvollen Körbe voll sind, die sie zu leeren beginnen und das Mitgebrachte ausbreiten wie kostbar gefertigte Decken. Unter Sonnenschirmen. Die weiß sind. Und durch deren Dächer dünne Wolken ziehen. Durch das, was sie zu berichten haben.

Ich. Ich versteh es einen Moment lang nicht, warum ich in diesem fröhlichen Trubel um mich herum nur Stille und nichts anderes, als unendliche Stille, empfinde.

Ein Mann tritt daraus hervor. In seiner Hand hängt lose ein großes gelbes Tuch mit dicken schwarzen Punkten. Er sieht mich lange an. Die anderen halten dann inne und tun es ihm gleich. Ich bemerke erschrocken meine Blöße. Ich bin ja nackt. Ich will mich sofort bedecken. Mein Blick krallt sich ins Tuch und dann in den des Mannes, als nur noch eine einzige Bitte: Gib es mir. Ich strecke die Hand danach aus. Er schüttelt leicht den Kopf. Er schweigt. Und als hätte sein Schweigen genau das gesagt, was Tommes herüber ruft: Ja, los komm. Setz dich zu uns. Jetzt bist du dran. Erzähl uns endlich, wie es dir in den ganzen letzten Jahren ergangen ist. Wir wollen es wissen. Du warst auf einmal spurlos verschwunden.

Ich stehe wie gelähmt. Ich bekomme kein einziges Wort heraus. Alle spüren es sofort. Und  das, was ich ihnen eigentlich zu erzählen hätte, spüre ich aus ihren Blicken heraus, über meinen Körper gleiten. Sie folgen dem Verlauf der Schnitte über meinen Bauch. Ich will mich krümmen. Aber es geht nicht. Messerscharf empfinde ich Schmerz und die unbeschreibliche Angst unter dem Skalpell. 

Das ist eine ganz miese Geschichte.

Sie bäumt sich in mir auf. Ich verschlinge mich. In ihr. In ihren tausend Armen. Um mich herum. In allen meinen Leben. Sie sind alle meine besten Freunde. Wir gehören zusammen. Und es gelingt mir, mich in diesen vielen Umarmungen aufzulösen. Zusammen zu halten. Anders geht es nicht. Jeder Gedanke oder jeder Herzschlag macht mir einen neuen Freund. Ich erkenne uns in den Blicken. Ineinander. Sie machen die Narben weich. Die Schnitte. Und die Kreuze auf dem Bauch.

Ich weiss nicht, was es ist. Einfach nur Übermut? Ich bin ein kleines Mädchen. Ein paar Schritte weiter eine Frau. Ich drehe mich um und ich renne ans Meer hinunter. Weg. Plötzlich habe ich wunderschönes, langes Haar. Ich fange den Wind damit ein. Es sind auch meine Röcke. Obwohl ich doch nackt bin. Es sind meine Leben. Es sind meine allerbesten Freunde. Ich träume. Ich weiss es. Ich richte die Welt… und um mich her wieder freundlich ein.

Der Mann mit dem Tuch. Ich lächle ihm zu. Als gäbe es keine Blöße mehr zwischen uns. Als wäre nichts zu verdecken bis hin zur Scham.   

Die Frauen und Dirk springen plötzlich auf und rennen hinter mir her ins Wasser. Wir bringen dort alles durcheinander, schlagen es auf und bringen es zum Schäumen. Werden den Männern aus den Gesetzen des Wassers hinaus, immer wieder vor die Füße gespült und zurück genommen. Sie greifen schnell zu wie nach klitschigen Fischen. Sie heben die Frauen auf und halten sie an ihre Nasen und Münder. Sie riechen gut. Sie schmecken. Ich sehe nach dem Mann. Er hält das Tuch. Er schweigt.

Ich stehe alleine auf.

Wie Julio dort sitzt. Und wegen der Perspektiven immer etwas weiter weg und im Schatten seines Hutes. Er malt. Lässt Sand ins nasse Öl, an nassen Akten, runterrieseln. Er würzt. Und Martin. Er klimpert mit zehn unruhigen Fingern vom Meer, über die Dünen, von einer Oktave zur nächsten , in einen hohen Seevogel hinauf. Und spielt auf seinen weißen Flügeln ganz neue Etüden. In denen Raphael den Chor der Delfine dirigiert. Andreas rauft sich gewaltig das  Haar. Nicht darüber. Sondern über den instabilen Faktor im Mauerwerk einer uralten Sandburg am Strand. Meine Schwester richtet Salate an. Amelie Jo hört dem Meer zu. Der Dichter küsst seine Frau. Nichts entgeht Tommes. Victor schnappt über. Schwärmt plötzlich von roten Sportcoupes. Beschreibt sie in der Luft. Mit den Bestwerten aus dem Windkanal, als spräche er von Manons rotem, wehendem Haar. Dieser Spinner. Er spuckt in den Sand, wegen der verdammt guten Liebe. Es zischt. Hinter sieben Jahren. Hinter den Himmeln. Wodzak ist ein Perlentaucher. Er legt, unter kleinen Bissen in den Hals, Anja eine neue Kette an.  

Gewiss. Beruhigt. Und tiefste Zufriedenheit.

Ich bin nicht anders. Der Mann setzt sich neben mich. Er legt das Tuch auf seinen Schoß. Er schweigt: Du hast noch immer kein einziges Wort gesagt. Du hast noch immer kein einziges Wort gesagt…  Die anderen sehen mich augenblicklich auch wieder an, als hätte ich bisher, noch immer kein einziges Wort gesagt.

Sie warten. Was wollen sie? Meine Blicke irren herum und flattern.

Mein Empfinden trübt ein. Mehr und mehr. Aber das macht niemandem etwas aus. Die Landschaft rings herum dunkelt ein. Und dann, als hätte ich es stockdunkel gemacht, sitzen wir alle zusammen vor einem Fernsehgerät. Wir sehen uns einen Film an. Einen Film, den ich vor sieben Jahren selbst gedreht hatte. Mit einem eigenen Leben erspielt. Sie füttern sich gegenseitig mit Trauben und Käse, während sie sich gelassen mein damaliges Leben von Stuttgart ansehen. Stuttgart? Ich sehe mir selber zu.  

Stuttgart. Störzbachstraße 17.  

Es geht dann alles sehr schnell. Die Straße türmt sich wie ein Störzbach auf. Aus angeschwemmtem Geröll. Ich krieche verzweifelt auf allen vieren dagegen an. Aus Zweigen, die wir abgebrochen hatten. Aus Steinen, die wir losgetreten hatten. Sehnsüchte aus alten Felsen. Gedichte. Kinder. Tränen. Hoffungen wie Poeme. Im siebten Stock. Liebe. Das Haus war fast nur aus Glas. Im Himmel oben. Und als alles schief gegangen war, die Flucht… Diese Flucht ans Meer. Und von den Windhunden gescheucht. Keuchend. Wie er zur gleichen Zeit auf einer anderen Frau gelegen hatte, in ihr gesteckt und unaufhaltsam seine Tochter machte. Ich kann keine Kinder kriegen. Ich reiß mir den leeren Bauch auf. Kaiserschnitte. Kreuz und die Quer. Die Ärzte verzweifeln. Sie suchen das Kind. Sie werfen die roten Gummihandschuh weg. Ich will das nicht sehen. Ich renne. Ich renne und ich laufe. Ich laufe sieben Jahre lang immer im Kreis herum. Um das ganze Meer. 

Ich wende mich angewidert ab. Wie von fetten Spinnen. Wollte ich das wissen? Wollte ich das?

Und dann ist es plötzlich die Frau in diesem Fernseher, ich bin es, die das zu mir heraus schreit. Laut. Gütiger Himmel. Wütend. Wie lange sperrst du mich denn noch in deiner verdammten Tretmühle ein! Immer nur gehetzt auf der Suche nach dem … bin ich eine Frau… bin ich keine… durch deinen Alptraum gepeitscht. Schlägst du mich wie der Wind seine Hunde. Wie lange denn noch…

Mir ist kalt. Iverson reicht mir ein Stück Eis… Es zerfließt in meinen Augen und dann in meinen Händen. Es verschwindet. Im Sand. Und alle anderen auch. 

Das ist irgendwie in Ordnung. Ich weiss es. Ein ganz tiefes Zwiegespräch mit mir. In tausend Gedanken erkannt, blitzt es wie in nie gesehenen Sternen um mich herum auf. Ich sehe mein Bild in ihnen allen.

Mich.   

Und Morgens. Überall nasse Augen. In den Blättern des Baumes. Als wäre ich ein Vogel, liege ich in seinem Nest. Und als wäre ich ein flügger Vogel, schmeißt er mich raus.

Ich glaube mir meine Flügel. Ich fliege.

Aber ich habe keine. Ich bin eine Frau. Und ich bin eine. Ich rutsche über die Lichter hinunter bis an den Fuß der Leiter. Ich sitze dort. Ein bisschen ramponiert, wie mir scheint. Den Rücken an die Hauswand gelehnt, als es plötzlich zu schneien beginnt? Schnee.

Schnee deckt mich zu. Aber es ist kein Schnee. Es ist eine geschriebene Geschichte, die über mich fällt. Meine. Ich greife danach. Ich erkenne sie sofort. Und es ist eine einzige Freude in mir, wie sie mich berührt und bedeckt. Es ist: Das Lächeln am Fuße der Leiter. Alles grinst.  Ich muss lachen. Ja, es ist wirklich diese Geschichte von Henry Miller und seinem längst erschlagenen Clown.

August kommt.

Er setzt sich neben mich an die Wand. Er wickelt mich in das gelbe Tuch mit den schwarzen Tupfen. Er malt mich mit allen seinen Clownsfarben an und mit immer wieder seinem Gesumsel von: … du dumme du, du dumme du… Malt mir Lachen und Weinen ins Gesicht und ganz zuletzt, fast verschwenderisch, jede Menge genug Rot für den Mund.

Nachmittags um fünf. Anfang November. Auf meinem Bett. Aufgewacht. In Berlin. An der Himmelsleiter…

                                               Text: © Christina Nelly Heukenroth


Bild:©  D. Kaden

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