Margarethenschlucht - Neckargerach/Baden


Gesang der Geister über den Wassern

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.
 

Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen,
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend
Zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise
Zum Abgrund.


Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.

Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen.

Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!

(Johann Wolfgang von Goethe)
 

Auf großen stillen Wegen,
Mit großen stillen Schritten
Ein Stein hinein ins Wasser: meine Seele,
In weiten Kreisen eingeschnitten...

Das Wasser - tief, das Wasser - dunkel wogend...
Die Seele in der Brust begraben - ewig eine.
So muss ich sie von dorther holen
Und zu ihr sagen: komm in meine!

(© Marina Zwetajewa)
 

Disclaimer 
  © Dr. Martin Hoppe 2004