Christina Nelly Heukenroth: Regengeschichte


REGEN. Nicht, dass das was Besonderes wäre. Nur sehe ich mein gestern Nacht endlich fertig gewordenes und mit grüner Tinte geschriebenes Manuskript draussen, neben dem Gartentisch, unter der triefnassen Hecke liegen. Zerfleddert, zerknickt und zermantscht. Mein Großvater. Meine Poesie. Die ganzen Schritte. Gedanken. Hunde. Irrtümer. Roter Mohn. Der Weg. Ohnmacht. Und Sophia. Zukunft. Gras, und ein ganzes Meer von aufgepeitschten Steinen. Fassungslos grün aufgelöst. In Wut und Aggression und Schuld? Verdammt.

Durchs Gras gehen. Hin. Und reinfassen. Was für ein ungeheuerlicher Versuch. Das anzusehen. Ich habe Angst. Ich flenne, weil alles unwiederbringlich verloren ist. 

Leere zerknittere, grünlich schimmernde Seiten. Hin und wieder ein Wort, das  dazwischen steht und andernorts ist auch das nicht mehr zu dechiffrieren. Ich hocke mitten drin. Dahinter klebt ein Bruchstück Text.

In einem verschwommenen Absatz schwimmt die Geige meines Opas rum. Mein Gott. Und von allem anderen ist nichts mehr da. Und umgeblättert nur noch lesbar, dass er die Geige ganz rund, Violina, wie meine Oma, nannte. Tanzte verrückt um sie herum. Jagte sie oder sie folgte dem Fiedler ins Haferstroh. Fritz Kaiser. Der Kaiser ist ein guter Mann, sang sie und später den Enkeln vor. Spuren von Regentropfen dazwischen. Und die wollten es immer wieder hören. Auch wie er gleich nach der Geburt unseren winzigen Papa nahm, ihn, in einen Schuhkarton mit Schafwolle legte, und ab ins warme Ofenrohr schob. Und er fiedelte davor, bis sein Sohn fertig gebacken war, herausgenommen wurde, und von da an richtig lebte. Behutsam. Auf der Rückseite des durchgeweichten Blattes: Dem lieben Gott dankte er seit jener Zeit einmal im Jahr an Heiligabend und beglückwünschte den ganz ehrlich auch zu seinem Sohn. Doch als der Zigeuner das Gotteshaus nicht mehr betreten durfte, schoren sie ihm das schwarze, immer etwas zu lange Haar, das so dick gewesen war, dass Violina ihre feinen Strümpfe damit stopfen konnte. Das Wort  `schoren' ist kahl. Das schwarze Haar grün aufgelöst und in dem steht noch: Er war nichts lieber als Geigenspieler gewesen. In Dachau war es damals nicht anders. Er spielte und viele folgten seiner Musik, adagio und accelerando, meinem Großvater, den man dort nicht mehr Zigeuner, sondern Rattenfänger nannte, wie es später im Dorf herum gemunkelt worden war. Der Regen duldet diesen Absatz , als hätte mein Großvater Bestand in seiner Zensur. Entscheidet das Wasser, was bleiben darf und was nicht? Ich komme mir ausgeliefert vor, mitsamt meinen nächsten Seiten, in denen ausgewaschene Erklärungen, Gründe und Rechtfertigungen stehen. Der Anspruch auf Menschenwürde ist grün gemacht, als sei er nicht farbecht gewesen.

Ich wische mir über das Gesicht und ich beschreibe in diesem Augenblick nicht, was ich denke und fühle. Aus meinem Haar tropft es runter und macht den Mohn nass. Das Wort blüht krachrot im Tintenwasser, an der Landstraße, die im nächsten Absatz zur Gedenkstätte von Dachau führt. Mohn auf grünem Brachland. Rot.

Wie das Herz aller Dinge. Ich bin angesteckt in diesem Fragment. Voller Schwindel und Poesie gewesen. Rot hatte sich gedreht und stand plötzlich anders herum gelesen als Tor im Gras, im anders herum gelesenen Gras, im Sarg. Ich erinnere mich und hatte es  damals so aufgeschrieben, unterwegs, auf dem Weg zum KZ.

Es ist erhalten geblieben. Auch der Hund, der übermütig bellend ins Feld hetzte, mich raus, und hin zu dem lachenden Mann: Mein Hund scheucht doch nur Angsthasen auf. Mich. Und in den Seiten davor wurde das Leben meines Großvater diese Straße entlang von SS- Hunden bewacht, und vom Regen ausgelöscht. Ausser ein paar grünen Anhaltspunkten, wie Wortgerippen, ist auf dem Papier nichts mehr übrig geblieben von den Seiten zuvor. 

Die ganze Geschichte ist unbrauchbar gemacht. Meine Gedanken von heute. In ihren Zusammenhängen aufgehangen, in dem was war und keine Lüge. Hingerichtet. Das Wasser löst diese Logik auf und spült den Irrsinn raus. Seinen oder den anderen.

Glauben und Wasser. Vernunft und Wasser. Wie Dach und die grüne Au. Die Poesie tut mir weh. Knallhart.

So regnet das weiter. Ich hocke im Gras. Nicht nötig zu sagen wie. Noch was glatt streichen zu wollen, verschmiert alles nur noch mehr. Also lasse ich die nächsten Seiten aufgebäumt sein.

Birken stehen da, am Rand des Lagerplatzes und die Bank darunter steht jetzt schief. Ich rutsche in meiner Haltung ab. Runter in den ganzen Matsch. Ich lese: Sophia rannte in lautem Geschrei quer über den schlammigen Platz. War zu schnell und schlug der Länge nach hin. Sie sah aus wie ein Schwein. Lachte, wischte sich übers Gesicht und fuchtelte mit dem hochgehaltenen Abiturzeugnis in der Luft rum: Ich hab's geschafft! Ich hab's geschafft! Ihre Brüder schmissen sich neben sie in den Schlamm. Ihre Mutter sah aus dem Barackenfenster, als sie den Lärm hörte.
Sophias Vater kam vom Krematorium zurück, dort hatten die Lagerkinder wieder in den Öfen Verstecken gespielt und ' du bist aus ', wenn einer gefunden worden war, der dann tot umzufallen hatte. 

Wie behutsam der Regen um diese Episode geflossen ist, um die Jahre nach dem Krieg, in denen Sophia mit ihrer Familie und vielen anderen, dort als Flüchtlinge untergebracht worden waren. Und wie behutsam auch, Jahre später, der Regen um die Rosen im Rost.

Inseln zum Überleben. Mir reisst das den Boden unter den Füßen weg und das Wasser steht mir bis zum Hals, als hätte heute Nacht der Himmel die Geschichte und mich zum Spielball, zu was ganz Beliebigem, gemacht.

Angst. Und wer sich auf der anderen Seite des Vergangenen nicht erinnert, ist dazu verurteilt, es noch mal zu erleben. Der Regen weicht das Anrecht auf. Diese Vermessenheit. Und in meiner Angst mache ich gedanklich alle leeren Seiten wieder voll, damit alles so bleibt wie es sich gehört. In diesem ganzen Irrsinn, gibt es für durchgegangene Gefühle und Gedanken die Peitsche, bis sie wieder im Zaume sind.


Ich besetze die leeren Wachtürme in meinen Vorstellungen sofort wieder mit Posten, die mich bewachen, weil ich in meiner Vorstellung auch der Jude bin. Oder ganz viele. Zigeuner. Anders sein und Denkende. Im Stacheldraht schalte ich den Starkstrom ein und renne verzweifelt gegen den Zaun. In meiner Fantasie. Angetreten. Befehle lasse ich brüllen. Meine Stimme in meinem Kopf. Hunde bellen und hetzen mich, dass ich ja nicht vergesse, was ich als Mensch wert bin. Ich achte auf diese Tatsache und auf unendlich viele Details, um gerecht zu bleiben. Ich bin der Aufseher. Und gehe dann, an meinen Großvater gedrängt, mit ihm zusammen in seiner Musik bis in den Himmel hinauf auf.

Ich mache mich so brauchbar. Tot und von jeder Seite her lesbar, nach allen Versuchen es hin und her zu drehen. Es gelingt mir nicht, solange ich lebe. Und schuldig bin ich, wenn das zu meiner Zeit in mir entsteht, und nicht der Regen, der es weggewaschen hat.  

Ich wehre mich nicht mehr. Ich schwimme durch die zerlaufene Tinte von einer Seite zur anderen. Nichts ist unberührt. Ich habe grüne Finger. Im Regen. Lesen. Der Angst wegen, steht verschmiert da, und der Menschenwürde.

Mein Großvater spielt dort Geige. Ich höre ihn. Großmutter summt gelassen und stopft Strümpfe.

 Im Alltag. Umgeblättert. Heute. Auf der letzten Seite beginnt ein Mann in der Gedächtnisstätte von Dachau seinen Arbeitstag. Er dreht an einem umgebauten Traktor zwei Flaschen die Hähne auf. Es riecht nach Gas. Er klettert auf den Bock und beginnt seine große Lagertour. Er verbrennt vor sich her das Gras mit Gas und macht frische grüne Asche, in den mit Steinen gefüllten Einfriedungen der Baracken, auf den Wegen und Plätzen. Weil nie Gras drüber wachsen darf. Das war das eigentliche Ende meiner Geschichte gewesen.

Und jetzt, als käme es dem Regen auf einen ganz anderen letzten Satz an. Auf das Grün. Das inmitten des Meeres von Steinen, zwischen ihnen selbst, mit Hilfe des Regens keimt.

Als hätte ich diesen Satz jetzt zu schreiben und bisher alles falsch gesehen und falsch gemacht. Will ich jetzt Grassamen kaufen gehen? Und danach meinem Großvater von der neuen Geschichte von meinem Leben schreiben? Ihn wissen lassen, wie es damals war, als ich einmal Gras kaufen ging und es bei jedem Schritt und jedem Gedanken durch die Finger rieseln liess. Und verlor.

Als ich hierher nach Berlin kam, fand ich eine Ausschreibung der Bundesregierung zu dem Thema: Nehmt mich beim Wort. Und ich setzte einfach noch mein Wort REGEN hinter dieses Thema und schickte diese Geschichte weg. Oh und stell dir nur vor. Ich bin zu einer von den drei Preisträgern geworden. ICH!!!! Ich empfinde alle meine Naivität der Welt und ich falle in meinen eigenen Text, der mich abzufangen scheint und mich wieder beruhigt.

Am 13. September wird Bertelsmann während einer Dampferfahrt das Buch mit allen eingesandten Geschichten präsentieren und auch die Autoren vorstellen. Abends ist im Kleisthaus die Preisverleihung. Ich weiss nicht, was ich mehr empfinde, Freude oder Angst. Ich kann mir nichtmal ein Kleid vorstellen, in dem ich mich verstecken könnte. Ich bin nicht geschaffen für die Öffentlichkeit. Ich krieg dort keine Luft und erst recht versagt mir die Stimme. Wenn ich Danke sagen muss, wird es ein Gestammel ohne Gleichen sein. Oh, wohin soll ich mich denn mal retten. Aber ich muss dahin. Weisst du, verzeih, wenns zu bescheuert klingt, aber ich sagte dieser Geschichte, sie soll gehen und uns einen Laptop besorgen. Und jetzt hat sie es getan. Ich werde mir jetzt einen kaufen können. Lach mich bloß nicht aus! Und weisst du was noch sonderbar ist. Das Gedicht meines Lebens hab ich geschrieben. Die Geschichte meines Lebens hab ich geschrieben. Und mit dem neuen Laptop werd ich das Buch meines Lebens schreiben? Eigentlich gehört an das Satzende das Fragezeichen nicht hin. Ich muss mich gar nicht mehr fragen, ob ich es schaffe. Ich habe gar keine andere Wahl. Ich glaube, alles was ich dazu brauche, steht schon irgendwo. Sei es auf unendlich vielen Bögen Papier oder in meiner eigenen Unendlichkeit. Das macht mir fast keinen Unterschied mehr.

 

Disclaimer 
 Text: © Christina Nelly, Fotos: Martin Hoppe 2003