Streiflichter aus Delhi


.....neben der Arbeit aufgefangen.....        
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Flagge Indien

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 Reisebericht von Stefan Neubert

                                                            
Delhi - willkommen im Chaos



Lufthansa Flug 760, nonstop Frankfurt-Dehli, fliegt in die Nacht hinein – so ist leider nichts von den faszinierenden Landschaften zu sehen, die unten vorbeigleiten: Kaukasus, pakistanische Wüste, Himalaya: ich erdenke sie mir einfach.  Zwei Drittel der Passagiere sind europäische Touristen – Typ „Studiosus“. Viele sind voller Vorfreude und bereiten sich noch brav auf Land und Weltwunder vor.  Einige wenige indische Familien, der Rest Geschäftsleute, die wie üblich nicht zum Fenster hinausschauen. Es geht schnell, der Flug nach Osten dauert nur sechseinhalb Stunden. Kurz hinter dem Himalaya beginnt der Sinkflug auf Neu-Delhi mit kräftigen Turbulenzen – das sind die „Leewellen“ des Jetstreams über dem Hindukusch, Verwirbelungen durch die höchsten Spitzen der Welt. 

Im Anflug über Dehli riecht es plötzlich intensiv nach Kohlefeuer: es ist nur 6 Grad, tausende von Feuerstellen führen zur offiziellen indischen Wetterlage:„ Rauch“.  Im alten, abgenutzen IGI (Indira Gandhi International)-Airport gehen Zoll und Gepäck um halb zwei Nachts  schnell und freundlich vonstatten. Am Ausgang erwartet mich mein Fahrer zum Hotel. Ein leicht gespenstischer erster Eindruck auf dem nächtlichen Weg dorthin, spärliche Lichter, Rauch vernebelt die Sicht,  Ruinen, Zelte, halb abgerissene Häuser – dann plötzlich die geschützte Enklave hinter Mauern – das Hotel – eine ganz andere Welt.


Pool - Radisson Hotel Delhi

Der sonnige Morgen beginnt mit einer unfreiwilligen Stadtrundfahrt: unser Fahrer hat nur einen blassen Schimmer, wohin er uns bringen soll. Ab geht es in die Morgen-Rushhour: das perfekte,  schier unbeschreibliche Chaos-Knäuel aus Autos aus allen Richtungen, in alle Richtungen, zentimeterscharf, aggressiv-nachdrücklich und doch voller Gelassenheit und Freundlichkeit. Die Rückspiegel sind eingeklappt, man „sieht“ akustisch, ständiges Hupen ist in Indien Pflicht, Busse und Lastwagen weisen neben handgemalten „Hare Krishna“- Aufschriften darauf hin: „Horn Please!“. Jeder Verkehrsknoten entknäuelt sich dann – irgendwann - auf wunderbare Weise, und mit Schwung und Gelassenheit geht es in den nächsten.


Schnellimbiss: Lucky Punjabi

Nach einer Stunde hin und her, durch belebte Straßen voller Rikschas, trägen heiligen Kühen, schlafenden Hunden und fünf Leuten, die einem beim Weg absolut nicht weiterhelfen können - aber so tun, als wüßten sie ihn ganz sicher – geben wir auf und verständigen unsere indischen Partner zwecks Lotsendienst.

Streiflichter auf dem Rückweg von der Arbeit: das extreme Elend der Menschen, die in Müll und Ruinen leben müssen, in den Seitenwegen, erschütternd und doch normal hier. Das Kinderbild ist mir schon grenzlagig. Ich stoppe das Fotografieren.

Selbst die Wohnviertel des Mittelstands erscheinen verwahrlost.  Daneben hier und da ummauerte, von Wächtern abgeschirmte Wohnbereiche der Reichen. Dennoch: Gelassenheit regiert überall. Auch bei der Nachricht, dass in einem Zug weitere 15 Bomben gefunden worden sind – nur eine kleine Randnotiz in der Zeitung.

Strassenkinder


Das moderne Indien: "Factory Outlets", Art Deco Hotels, alles ist da, nur das Drumherum ist nicht perfekt im westlichen Sinne. Im Hotel ist das Bier ausgegangen, aber man improvisiert und im Nu sind ein paar Dosen unterschiedlicher Marken da. Stromausfall – täglich x mal, ein Traumland für USV-Generatoren-Verkäufer. Und jetzt ist alles mit einer Staubschicht überzogen – trockenes Frühjahr, die Temperatur steigt von Tag zu Tag, jetzt sind es schon 28 Grad.


"Factory Outlet"

Und immer wieder – Armut, bitterste Armut, Dreck, Bettler, Straßenkinder....... und manche Gutverdienende, denen man es ansieht   ... (der Wohlstands-Bauch ist bei Männern Statussymbol!). 

Ein anderer Eindruck: Farben, Farben, Farben - besonders bei der Kleidung der Frauen - Pracht und Augenschmaus in vielen Variationen - ob arm oder reich, selbst bei den Bauarbeiterinnen im Straßenbau.....


Bettlerin

Ein Besuch im Dehli Zentral-Hospital: für Europäer horrend anmutend, nur nicht hierher eingeliefert werden! 30.000 Betten muss man sich erst einmal bildlich vorstellen, die „Wartezimmer“ sind im Freien, durch die Anlage hüpfen Schwärme wilder Affen und ergattern sich Abfälle.

Das Essen: ein sinnlicher Gaumenschmaus (wenn man nicht gerade auf die in fast jedem Topf mitkochenden superscharfen Chillies beißt), vieles vegetarisch (60% der Inder sind Vegetarier)......ich kann nur schwärmen! Der verweichlichte Mitteleuropäer ist diszipliniert: keinen Salat, kein Leitungswasser, keine Eiswürfel, kein Obst.

Abends im Hotel: ich drücke auf die Toilettenspülung, sie fliegt mir um die Ohren, ein Wasserschwall rauscht in das Badezimmer, in Minutenschnelle ist ein gut bepackter Handwerker da, der das offensichtlich bekannte Problem mit ein paar Zangengriffen löst. Bis zum nächsten Mal :-).

Und ja: es gibt auch Sehenswürdigkeiten - und wie schöne :-)!

 
Red Fortress

 Disclaimer 
      © Dr. Martin Hoppe 2007