Abschied und Ankunft

Sehr alte Romanze

Die verlöschende Sonne wird mich nicht führen
durch die staubigen Straßen der Kleinstadt
denn du bist nicht mehr da
bist nicht da, und Staub erinnert sich nicht.

und Staub, dein Staub liegt auf dem Marmor
und über die Gleise rollen die Bahnhöfe hin
du, die ich verloren habe, vergiss diesen Ort nicht
wo sich der Staub an mich nicht erinnert

lege dich hin, Sonne, die Flüsse sind schon bereitet
zum Bett aufgeschüttet sind die nebligen Wiesen
die Gefühle und der Verstand haben anerkannt
dass sich Staub an mich niemals erinnert

nur der zwitschernde Morgen über den Gleisen
auf denen die Bahnhöfe rollen, nimmt die Geliebte
mir weg, und wie der Staub auf dem Marmor
ist der Staub dieser Kleinstadt Staub des Vergessens

(Antanas A. Jonynas
)

Fernweh

Leise singt der Wind
Lieder ohne Worte,
tänzelt beschwingt über
blumige Wiesenauen und
labt sich am Morgentau.
Mit kräftiger Böe zerfetzt
er graue Nebelschleier,
sammelt die letzten
Düfte des Sommers ein
und stürmt davon
in schrankenlose Fernen.

(Heidelind Matthews)


Schmetterlinge

Niemals endet die ziellose
Irrfahrt doch findet im 
inneren Aufruhr eines sein
Ziel.
Irrfahrt Irrnis und Irren,
drei Silben nur, die sich ändern,
ich öffne und schließe die Augen,
bewege mich nicht,
das Gesicht ganz deutlich, die gleiche Stelle, 
aber nicht mehr das gleiche.
Das Ziel verliert sich, wenn man es trifft.
Wir stoßen uns an.
Schön ist der Mann, schön ist die Frau,
Christuskopf des Jungen, des Mädchens Engelsgesicht wir
beide, tick-tack, tick-tack,
auf´s Papier geklebt,
geschrieben, geknipst,
das Wasser Narziss betrachtet sich in diesem Blick,
zuviel Dreidimensionales,
oder geschlossenes Triptychon,
Haltestelle.
Ohne Ankunft, weiter und weiter
lautlos noch
und immer weiter.

(Vera Filo)


Reiselust

du kommst ruhig durch die weit geöffnete Tür
du bist, geritten, Bote auf dem Weg
nein, auf Zwischenstation, kein halbes Jahr

du bringst keinen Brief
wir haben Zeit
Farben zu mischen, Narben zu zählen

erzählen unsere wilden Spuren
ziehen schräge Linien, bemalen Falten

nie ein leichterer Abschied
leicht deine Tasche, lachend dein Hut
weit geöffnet meine Arme

die dich nicht berühren
immer noch scheint die Sonne
als wären wir auf dem Weg.

(Inka Bach)


Disclaimer 
  © Dr. Martin Hoppe 2004